Medizinische Berufe und Pflegepersonal „Red` mit mir“

Das exponentielle Wachstum der Pandemie ist etwas gebremst worden, aber nicht für medizinische Berufe. Die Zahl der Covid-19-Patienten bleibt sehr hoch. In den Intensivstationen und in der Nachbetreuung brauchen viele erkrankte Menschen weiterhin eine sehr intensive Betreuung. Das zehrt an den Kräften der Mediziner und des Pflegepersonals. Die mentale und psychische Belastung ist sehr hoch. Manch einer kann nach Hause gehen und etwas weinen, vielleicht hat jemand die Möglichkeit mit anderen darüber zu sprechen, viele bleiben jedoch damit allein und gehen am nächsten Tag wieder in die Arbeit.

Wer sind die Menschen in den medizinischen Berufen, was sind das für Persönlichkeiten?

Es gibt diverse Persönlichkeitsmerkmale, die vorteilhaft sind, wenn man einen solch belastenden Beruf ausübt. Dazu gehören unter anderem:
–  Resilienz – die Persönlichkeit verfügt über eine hohe Widerstandskraft
–  Verträglichkeit – der Mensch ist von Grund auf freundlich, kooperativ
–  Mitgefühl – im Unterschied zur blanken Empathie ist Mitfühlen ein Vorgang, der bis zu Amygdala vordringt und natürlich abläuft. Mitgefühl steckt an! Man fühlt mit und das führt nicht zu Erschöpfung, sondern zu einer Art natürlichen und emotionalen Verbundenheit. Nicht selten berichten dabei beide Personen, dass sie an diesem Erlebnis partizipieren. Empathie spielt sich im Gehirn in den oberen Arealen ab. Emotionale Anteile einer solchen Begegnung können zu Verdrängung und Belastung führen, weil man das nicht emotional durchlebt.
–  Geselligkeit – eine Art der Extrovertiertheit, wenn man gerne und viel mit anderen Menschen sein möchte
–  Teambereitschaft – besonders im Bereich Pflege. Allerdings ist jeder Arzt in gewissem Maße auch ein Teamplayer. Denn fast immer ist er ein Vorgesetzter und ein Teammitglied zugleich. Eines ist wichtig zu betonen: ein Mensch ist immer „nur“ ein Mensch und kann lediglich bis zu einem gewissen Grad Belastungen ertragen.

Die Belastung bei Ärzten, medizinische Berufe

Ärzte haben für uns Menschen unterschiedliche Rollen: sie sind zugleich die Heiler, die Wissenschaftler, die operativ tätigen, die Schutzpersönlichkeiten, die Ersatzeltern. Nicht selten verhalten sich Patienten wie Kinder, die sich keine Gedanken über das Wohlbefinden der Eltern machen. Sie verhalten sich Ärzten gegenüber gedankenlos und unbeschwert.  Ärzte werden als die Stärkeren wahrgenommen, diejenigen, die immer die Wahrheit wissen und denen man mit einem gewissen Grundvertrauen und mit Sorglosigkeit begegnet. Die ganze Verantwortung und Belastung trägt ihrer Meinung nach der Arzt. Nun damit erhält dieser zu wenig Würdigung und Achtung, die er meist redlich verdient hat.

Die Belastung beim Pflegepersonal

Was Pflegekräfte sehen und an einem Tag erleben, so viel Leid und Emotionen, so etwas sehen wahrscheinlich Menschen in anderen Berufen das ganze Leben nicht oder nur in Filmen. Für Pflegekräfte ist es Realität, schlimme Schicksale zu sehen oder gar daran teilzuhaben. Denn Pflegekräfte können sich nicht immer dem entziehen, was um sie passiert. Ihre berufliche Realität ist voller menschlicher Leiden und deren Einflussnahme darauf. Unaufhörliches Engagement und harte Arbeit, Konzentration und permanentes Lernen – das ist Alltag von Menschen, die Krankenschwestern und Pfleger sind. Menschen, die durch und durch diszipliniert sein müssen und mehr leisten, als es die Kräfte erlauben.

Zu viel Arbeit und zu wenig Zeit beim medizinischen Personal bleibt trotz der fallenden Ansteckungszahlen bestehen. Ständig mit Leben und Tod konfrontiert zu werden ist eine zusätzliche Belastung.

Hilfreich ist der Umgang mit sich selbst – medizinische Berufe

Wer ist denn schon so diszipliniert, dass er das alles beherrscht hat?
–  Fürsorge für sich selbst –hierzu gehören Maßnahmen, die ein reflektierter Mensch automatisch vornimmt, wenn er Verantwortung trägt. Dazu gehört unter anderem: Bewegung, Schlaf, Ernährung, Entspannung.
–  Selbstreflexion – ein bestimmtes Maß an Selbstreflexion zu haben ist für die Selbsteinschätzung wichtig.
–  Auch bedeutend ist es, den Stresspegel zu erkennen und zu reflektieren, wie weit dieser zu bewältigen ist.
–  Zeitmanagement – der Leser dürfte erahnen, dass sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal unter einem dauerhaften Zeit-Stress stehen.
–  kein Alkoholkonsum, keine Substanzen.

Mit anderen reden – hilft das?

Ein natürlicher Katharsis-Prozess geschieht automatisch, wenn man mit jemanden über die Belastung spricht, die man frisch erlebt. Katharsis in der Psychologie bedeutet nach Google: „das Sichbefreien von psychischen Konflikten und inneren Spannungen durch emotionales Abreagieren“. Dieses Abreagieren geschieht automatisch, wenn man jemanden hat, mit dem man Erlebnisse teilen kann, erzählen, weinen oder sich austauschen. Davon haben wir in unserer Gesellschaft zu wenig: Menschen, die zuhören, die zur Seite stehen, dass man füreinander da ist.

Solange Intensivstationen voll mit Corona sind, bietet NIKU Community ein offenes Ohr an. Mit der Kampagne „Red` mit mir“ bieten wir Gespräche an. Sie tragen sich in das Buch ein und erhalten Gesprächspartner, der Für Sie da ist. In wenigen Tagen ist Kalender da, in den Sie sich eintragen können.

Dieses Projekt wird durch die Beteiligung von den Menschen wachsen, die uns brauchen und denjenigen, die gerne für andere da sind. Schreiben Sie mir, wenn Sie Vorschläge und Anregungen haben. Dieser Artikel ist auch im DocCheck zu sehen.